Ausstellung mit
Keummi Paik-Bauermeister und Stephan Hasslinger
Ausstellung: 21. Juni bis 14. August 2015

 

Einführung: Dr. Antje Lechleiter©, Freiburg

Sehr geehrte Damen und Herren,
Keummi Paik-Bauermeister und Stephan Hasslinger in einer Ausstellung - da war ich gespannt. Doch heute sehen wir, dass dieser Gegensatz auch Verbindendes hat. Etwa erstaunliche Farbentsprechungen. Betrachten Sie etwa dieses Blau, Grün und Türkis bei Stephan Hasslingers Arbeit "Hamam", welches wunderbar mit diesen Arbeiten von Keummi Paik-Bauermeister zusammenschwingt. Überdies verbindet die beiden Künstler das Grundthema "Linie". Ich finde es großartig, wie diese aus einzelnen Tonsträngen gefügte, mächtige Säule auf die zarten Linienformationen von Keummi Paik-Bauermeister trifft. Die Künstlerin hat ihre Gemälde übrigens ganz bewusst als horizontales Band gehängt und sie bilden damit so etwas wie eine Basis von der sich die Objekte Stephan Hasslingers in alle Richtungen und auch in den Raum hinein abdrücken.

Blicken wir zunächst zu den Werken von Keummi Paik-Bauermeister, die in Südkorea geboren wurde, an der Karlsruher Kunstakademie bei Peter Dreher und in Nürnberg bei Rolf Gunter-Dienst studierte und in Emmendingen lebt. Malen ist für Keummi Paik-Bauermeister ein meditativer Akt, der höchste Konzentration erfordert. 1997 kam die Künstlerin zu der hier gezeigten Form der Bildaufteilung, die durch die Reduktion und Einfachheit der eingesetzten künstlerischen Mittel und den Reichtum der genau daraus resultierenden optischen Eindrücke besticht. Die Künstlerin bedient sich den klassischen Materialien der Malerei. Mit Ausnahme der fünf weißen Arbeiten, die mit Bleistift zart überzeichnet wurden, handelt es sich ausschließlich um Gemälde, die in Öl- und Acrylfarbe auf Leinwand ausgeführt wurden. Die Komposition entfaltet sich auf einer, den persönlichen Pinselduktus weitgehend negierenden Oberfläche, die Illusion von Räumlichkeit wird vermieden, alles Flächige betont. Der Fokus liegt auf der Wirkung von Farbe. Farben können, obgleich einheitlich auf ihren Untergrund aufgetragen, ihr Äußeres auf erstaunliche Weise verändern. Denn eine Farbe definiert sich erst im Kontrast zu anderen Farben, erhält erst durch das Zusammenspiel und die Unterscheidung von anderen Tönen ihren jeweiligen Charakter. Mit diesem Phänomen beschäftigt sich die Künstlerin im Einzelbild, in ihren Bildpaaren und in den aus mehreren Arbeiten zusammengefügten Bildreihen.

An diesem größeren, quadratischen Bild möchte ich das Vorgehen der Künstlerin einmal exemplarisch beschreiben: Es ist gegliedert in drei querformatig gelagerte Abschnitte, wobei sich der mittlere Bereich deutlich von den anderen beiden unterscheidet, wirkt er doch, als würde eine Art Schleier über dem Untergrund liegen. Bei näherer Betrachtung offenbart sich etwas, das man aus der Ferne gar nicht bemerkt hat: Nämlich dass die gesamte Komposition von feinen, vertikal verlaufenden, parallelen Linien überzogen ist. Diese Linien werden von der Künstlerin mit Ölfarbe und ohne Vorzeichnungen oder sonstige Hilfsmittel frei von Hand gezogen. Bei diesem Bild verfügen die Striche über eine einheitliche Farbe, es ist also der mit Acrylfarbe überzogene Hintergrund, der sich im mittleren Abschnitt vom oberen und unteren Bereich abhebt. So täuscht also unser erster Eindruck gewaltig: Es liegt kein Schleier über dem Grund, sondern vielmehr hinter den Linien!

Wir finden auch den umgekehrten Fall. Hier wirkt das einheitliche Blau des Untergrundes durch die verschiedenfarbigen Linien drei Mal anders. Sie sehen: Wieder verändert sich die Wirkung eines Farbtons entscheidend durch das Hinzutreten eines zweiten oder gar dritten Tons. Und noch etwas: Entfernt man sich von den Bildern, so addieren sich die Farben zu einem Ganzen, zu einer optischen Farbmischung. Die Farbe ist das relativste Mittel der Kunst und auch das unberechenbarste. Sie entzieht sich dem rationalen Kalkül indem sie mit unterschiedlichster Eigenhelligkeit, Leuchtkraft, und Intensität ausgestattet ist. Keummi Paik-Bauermeister wählt ihre Farben intuitiv aus, stellt sie einander gegenüber und fragt: Welche Farbe tritt hervor und welche entfernt sich? Welche Farbklänge und Farbbezüge stellen sich ein? Sie zeigt uns, dass Farbe eine Sprache ist, ohne Wörter, aber mit eigener Syntax.

Die Farbwirkungen, die bei den Einzelbildern innerhalb der Komposition erprobt werden, erschließen sich bei den mehrteiligen Arbeiten durch die Anordnung. Blicken Sie auf diese 12-teilige Reihe, so werden Sie erstaunt sein wenn ich sage, dass die Bilder Nr. 11 und Nr. 14 den gleichen Hintergrund haben, sich jedoch durch die Farbe der Linien unterscheiden. Bei dieser Bildreihe sieht man auch, dass die Künstlerin - bis auf eine Arbeit (Nr. 14) - die harten Kontraste meidet. Es gibt die Zusammenstellung ähnlicher, aber auch komplementärer Farben, es kommen aber auch zwei Farben gleicher Helligkeit vor. Diese versetzen über das Zusammenspiel von Farbe und Form die Komposition dann in eine flirrenden Bewegung.

Die Künstlerin erzählte mir in unserem Vorgespräch, dass sie einmal ein 1,20 m hohes Bild geschaffen und an jeder einzelnen senkrechten Linie 1 Stunde gearbeitet habe. So schreibt sich die Zeit, die die Hand benötigt, all diese Linien zu ziehen, in die Bilder ein und auch wir benötigen als Betrachter diese Zeit zum Lesen der - scheinbar - doch so einfach gefügten Bilder.

Stephan Hasslinger wurde in Marburg/Lahn geboren und studierte Bildhauerei in Bremen und Berlin. Nachdem er zunächst mit geschweißtem Stahl gearbeitet oder, besser gesagt, mit Stahl im Raum gezeichnet hat, kam er 1993 über die Suche nach einem Werkstoff, mit dem er inhaltlicher werden konnte, zu einem uralten Gestaltungsmaterial des Menschen. Dem Ton. Die Werke der Ausstellung zeigen, dass er damit eine eigene, unverwechselbare Formensprache gefunden hat. Nicht nur dem additiven Verfahren, auch der Linie ist er dabei treu geblieben, denn Hasslinger knetet, rollt, biegt und dehnt seine Tonstränge, verbindet sie in Schlaufentechnik miteinander und verknäult sie zu phantastischen, surrealen Gebilden. Diese rund 2,30 m hohe, aus Ton gestrickte Säule trägt den Namen "Zip" und zeigt, dass der Künstler dabei bis an die Grenze des Materials geht. Natürlich musste er sie aus mehreren Teilen zusammensetzten, doch man sieht, dass in Hasslingers praktische Erwägungen grundsätzliche Gedanken zur Organisation der Teile mit einfließen. Dazu gehört, dass die Hülle bei dieser Arbeit so aufgebrochen ist, dass wir wie durch ein Netz in ihr Inneres blicken und ihre Konstruktion, das Gerüst ihres Aufbaus erkennen können.

Anregungen zu den drei Themen Form, Farbe und Struktur kommen oftmals aus dem Bereich der Mode und der Künstler findet sie überall: Auf dem Flohmarkt, in Geschäften, Journalen und Katalogen und Hasslinger sammelt und wartet. Er ist am Hautartigen, an der textilen Hülle, am sinnlich-visuellen Reiz banaler Dinge interessiert, sie bilden für ihn so etwas wie ein "Zünder" und es ist nur eine Frage der Zeit, bis dieser eine Formidee in ihm auslöst. Worum es sich bei diesem "Zünder" ursprünglich handelte, ist später für den Betrachter nicht mehr von Belang. Denn Hasslinger entfernt sich in seiner freien künstlerischen Arbeit weit von der Dingebene. Er benutzt die Gegenstände des alltäglichen Lebens eher als Steinbruch, wählt beispielsweise bestimmte Farben oder Stoffornamente aus und bringt sie in neue Zusammenhänge. Seine Objekte sind mehrdeutig: Sie sind körperbezogen und tektonisch, hermetisch und durchbrochen, gegenständlich und abstrakt. So entstehen magische, vexierbildhafte Erscheinungen, wuchernde Formen, die sich in keinen Rahmen pressen lassen, doch den Betrachter mit dem Hauch des Vertrauten umgarnen.

Ob wir seine große Dose "Duplex", seine Wandarbeit "Palisander" oder die "L.G. Plateaus" betrachten: Stephan Hasslinger liebt ganz offensichtlich nicht nur die Verfremdung, er schreckt auch vor dem Kitsch nicht zurück. Im Gegenteil, er zelebriert das "Schräge" und sein Slogan könnte "Künstlichkeit statt Natürlichkeit" lauten. Die tönernen Schuhe haben ihre Funktion verloren, sie tummeln sich mitunter sogar an der Wand und haben sich in eigenständige Wesen verwandelt. An Materialgerechtigkeit ist Hasslinger ganz offensichtlich überhaupt nicht interessiert, im Gegenteil. Bewusst spielt er mit der tief in uns verankerten Vorstellung von Gebrauchskeramik und führt dabei, wie bei dieser Dose, die Dinge ins Absurde. Dazu gehört, dass er sein Material - so als handele es sich um Stein - auch mit der Flex bearbeitet. Die dem Ornament innewohnenden Möglichkeiten der Verwandlung dekliniert er in verschiedensten Varianten durch und macht Schweres leicht und Leichtes schwer. Die Farbe hilft dabei. Durch das Auftragen von Lackfarbe kann die Skulptur in materieller Hinsicht sogar so stark verfremdet werden, dass sie aussieht, als wäre sie aus Plastik. Anders bei so einer silberfarbenen Glasur; sie rückt die Keramik wiederum in die Nähe eines Metallgegenstands.

Ich habe schon angesprochen, dass sich Hasslinger in seiner freien Arbeit weit von der Dingebene entfernt. Seine Werke im öffentlichen Raum halten dagegen einen stärkeren Kontakt zur Welt des Benennbaren. Vielleicht kennen Sie die Schirme, mit denen er 2003 den 1. Preis des Kunst-am-Bau Wettbewerbs beim Neubau des Freiburger Regierungspräsidiums gewonnen hat. Auch die Arbeit im Fenster, sie trägt den Titel "Flügellicht G.T." resultiert aus einem Wettbewerb. Sie entstand für eine KFZ Werkstattschule und zeigt nun zweifellos etwas Benennbares: Nämlich den Kotflügel eines knallroten Ferrari GT.

Sehr geehrte Damen und Herren, die formale Klarheit der Malerei von Keummi Paik-Bauermeister trifft hier auf die geradezu barocke Opulenz der Objekte von Stephan Hasslinger. Anders ausgedrückt: Minimalismus trifft auf Postmoderne, "Form follows function" prallt auf "Function follows form". Doch das Zusammentreffen dieser Widersprüche mündet nicht im Chaos, sondern führt zu einem äußerst harmonischen Miteinander.