Ulrich Blum - Zeitstücke - Photographien
Ausstellung: 27. September bis 13. November 2015

Die Ausstellung wird bis zum 13.11.2015 Verlängert

„Zeitstücke“ lautet der von Ulrich Blum mit Bedacht gewählte Titel, unter dem diese Ausstellung die unterschiedlichsten

Motive vereint. Die beiden Begriffe „Zeit“ und „Stücke“ wollen indes nicht so recht zusammen passen, was also könnte damit gemeint sein? In der Literatur wird so das „zeitgemäße Stück“ benannt, das seinen Stoff aus dem Tagesgeschehen bezieht; für uns freilich keine befriedigende Definition... Ist vielleicht der „Zeitabschnitt“ gemeint?

Die englische Übersetzung „Timescapes“ hilft uns weiter: Analog zu „Seascape“ (Seestück) oder „Landscape“ (Landstück bzw. Landschaft) bezeichnet es Bilder, die sich mit der Zeit auseinandersetzen. Auch klingen darin die beiden Wörter „Time escapes“ an, was soviel bedeutet wie Tempus fugit: die Zeit flieht. Und mit dieser Doppelbedeutung spielt der Künstler natürlich.

Der verrinnende Moment, das scheinbare Fließen der Zeit wird von vielen Physikern und Philosophen als ein subjektives Phänomen angesehen. Jeder erlebt es im gleichen Moment anders. Dem einen rast die Zeit davon, dem anderen scheint sie stillzustehen. Es scheint daher gar kein objektives Jetzt zu geben, das wir alle in einem Moment gemeinsam erleben – keine Gegenwart, denn kaum ist sie da, ist sie auch schon Vergangenheit. Physikalisch betrachtet ist sie eine gerade mal punktförmige Ausdehnung zwischen Vergangenheit und Zukunft. Ein sogenannter Zeit-Punkt, gerade mal so kurz wie das „Klick“ des Auslösers einer Kamera... „Werd' ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zugrunde gehn!“ – so zumindest lautet der Deal, den Goethes Faust Mephisto vorschlägt, sollte er dem Reiz des Moments erliegen anstatt weiter nach vorne zu streben.

Die Fotografie allerdings kostet den ganz besonderen, wohl gewählten Augenblick ungehindert aus und konserviert ihn für alle Zeiten. Sie zeigt Gesichter, Orte, oder auch Tulpen..., genau so wie sie einmal waren: in einem ganz bestimmten Moment, zu einer ganz bestimmten Tageszeit und in einem ganz bestimmten Licht (ob inszeniert oder nicht, spielt gar keine Rolle).

 

Diese Zeugenschaft eines zum Zeitpunkt der Betrachtung bereits Vergangenen kann auch zutiefst irritierend sein. Denn der Betrachter von Fotografien realisiert immer zugleich verschiedene Zeitlichkeiten: Der oder das im Bild Dargestellte selbst ›blickt‹ in seine Zukunft, zeigt sich dem Betrachter aber in seiner Vergangenheit. „Alte Fotografien!“ rief Kurt Tucholsky einmal aus. „Alle sind schon tot, die auf euch zu sehen sind; die Gartenstühle vermodert, die Seidengarnituren zu Staub verfallen; von den Menschen sind vielleicht einige Grabsteine übrig. Da hängen an den Wänden die alten Fotografien und zeigen unbeweglich das alte Licht, das einst auf sie fiel.“

Im Foto steht die Zeit still. Man wünscht sich manchmal, man könnte ins Bild reisen wie auf einer Zeitreise. (Es gibt im übrigen einen Kinofilm namens „Timescapes“, der von Zeitreisen handelt.) Denn, Tragik unseres Lebens, so oft verpasst man die Schönheit eines Augenblicks und erfasst seinen Wert erst im Rückblick. „Als es schön war, merkte ich es nicht“, sind auch die Tulpenbilder der hiesigen Ausstellung überschrieben, von denen drei Schwarz-Weiß-Fotografien und vier (davon drei fast schon wie Aquarelle anmutende) farbige Fotografien zu sehen sind. Gezeigt werden die Schnittblumen in den verschiedenen Phasen ihrer Existenz: Von der Blüte ihrer Jugend bis hin zum Verlust ihrer Blütenblätter.

Die dargestellte Vergänglichkeit ihres Tulpenlebens evoziert die Flüchtigkeit des Moments. Durch das Schwarz-Weiß wird die Signatur der Zeit zusätzlich betont. Sämtliche Arrangements deuten auf eine akribische Inszenierung der Darstellung hin, auf ein ganz genaues Abpassen des gewünschten Moments. Manche Blütenblätter sind weit in Richtung Bildmitte geöffnet, die schwarzen Stempel gespreizt. Dramatisch bricht sich in ihnen das Licht wie im Faltenwurf eines Theatervorhangs. Auf einem der Bilder neigen die zarten Stängel ihre Köpfe abwärts, alle in dieselbe Richtung der Sonne zugewandt als fügten sie sich darein, das ihre Zeit bereits abgelaufen ist. Ein anderes Bild zeigt einen ganzen Strauß, dessen Blütenblätter bereits vor der Vase liegen. Die fransigen Blumenköpfe hängen ebenfalls herab, scheinen sich aber sonderbar aufzubäumen. Wie ausgeschnitten wirken ihre scharfen Konturen. Tierhaft-organisch, fast schon skulptural erscheinen die Blüten, samtig weich hingegen der konische Vasenkörper. Die andere Werkgruppe mit den Tulpen wurde vor einer Folie fotografiert und auf Alu-Dibond reproduziert: Auch hier verweist die sich verflüchtigende Bildlichkeit in ihrer reduzierten Farbigkeit auf deren ›Gewesen-Sein‹ hin. Sie scheinen sich dem Betrachter zu entziehen wie allmählich verblassende Erinnerungen.

Wer nun glaubt, der Künstler beziehe seine Bildschöpfungen aus Motiven, die unserem tradierten Schönheitsbegriff entsprechen, irrt gewaltig. Denn darum geht es ihm in keiner Weise. Vielmehr begibt er sich auf Spurensuche nach dem Schönen – und zwar auch da, wo es nicht auf den ersten Blick erkennbar ist; oder wo sich ihm unser voreingenommener Blick verweigert – etwa in der (hier in der Mitte des Raumes ausgestellten) Fotoserie „Nichts als ein Haufen Neuronen“.

Wir erkennen einen abgedunkelten Raum, einen Obduktionsraum, dessen Interieur die kühle Ordnung eines kubistischen Gemäldes verströmt. Durch einen Fensterschacht fällt Licht auf den Seziertisch in der Bildmitte, der (auch der Form nach) unweigerlich an einen Altar denken lässt. Darauf ein Brett, wiederum darauf ein seziertes menschliches Gehirn. Bilder von fast überirdischer Poesie tun sich da vor unserem Auge auf, wenn weiß- gummibehandschuhte Hände uns das Gehirn Scheibe für Scheibe darbieten wie einen Korb Obst oder ein Geschenk. Geradezu appetitlich präsentieren sie sich nachher auf dem Untergrund. Nichts ist an diesen Bildern abstoßend, sie sind vielmehr sehr ästhetisch. Und doch schaudern wir beim Anblick dieses „Haufens Neuronen“, dem man seine unglaublichen Fähigkeiten nicht ansehen kann, zumal wir ihn schließlich mit eben jenem Gehirn denkend betrachten, das dieser „Haufen“ wiederum vorstellt, und mit diesem versuchen zu verstehen was wir da sehen.

Genau umgekehrt verhält es sich mit der Bilderserie „Passagen“, denn hierbei handelt es sich um Innenansichten des Chichu Art Museums auf der japanischen Insel Naoshima, 1988 bis 1995 gebaut von Tadao Ando, einem international gefeierten japanischen Architekt, der heute über 70-jährig in Osaka lebt. Dieses Museum wurde – großenteils unterirdisch – so in die Landschaft hineingebaut, dass es mit der Natur eine stimmige Harmonie eingeht. In dieser unterirdischen Architektur tritt die äußere Form hinter dem Innenraum zurück, während oben das Landschaftsbild weitgehend erhalten bleibt. Wie aus einem versunkenen Ort lugen nur hie und da Hinweise aus der Natur heraus. Die Ausführung der Innenräume erfolgt auf der Grundlage asketischer Prinzipien: die Raummitte wird als Ort der meditativen Sammlung begriffen, die Helligkeit über Lichtschlitze in den Wänden ins Innere geleitet. Die Betonung auf das Rauminnere macht die Museumsschau für den Besucher zu einer Reise zu sich selbst. Auch findet er nicht auf direktem Wege Einlass, sondern gelangt nur durch eine schmale und biegungsreiche Wegführung ins Innere. Diese Passagen fanden Eingang in Ulrich Blums Bilder.

Im Inneren präsentiert der Museumsbau neben sehr wenigen Werken von James Turrell, Walter De Maria und Claude Monets Seerosenteich-Gemälde vor allem sich selbst. Diese Werke werden nämlich nicht einfach ausgestellt, sondern regelrecht exponiert und inszeniert. Das heißt, im Grunde wird bei Tadao Ando das (vorhandene) Kunstwerk fortgesetzt und fortgebaut. Es dient dem Architekten als Basis seiner eigenen Kunst und wird zur Kunst in der Kunst. Ulrich Blum wiederum nahm das Werk Andos mit den dort ausgestellten Kunstwerken zur Grundlage für seine Bild-Inszenierungen, die somit zur Kunst in der Kunst in der Kunst wurden. Fotografie als Form der Kunst anzusehen war nicht immer so selbstverständlich wie es heute der Fall ist. Bis in die 60er Jahre hatte sie gar als Kunstform um Anerkennung zu kämpfen. Ihr künstlerischer Ansatz liegt vor allem in der Herausbildung der grafischen Aspekte der Motive mit Hilfe der Abstraktion und Verdichtung.

Ulrich Blum verfremdet in seinen Bildern die Architektur derart, dass sie das Vorbild kaum mehr erkennen lassen. Auch in seinen Bildern wird das Licht zum Wegweiser, zum Teil wurden die Aufnahmen dafür ins Negativ gespiegelt, wodurch sich Hell und Dunkel verkehren. Auf diese Weise erzeugt er – wie schon Tadao Ando – Parallelwelten, die simultan nebeneinander bestehen und nur durch jenen schmalen Durchgang oder „Passage“ voneinander getrennt scheinen, der einem vor allem dann ins Bewusstsein rückt, wenn ihn eine nahe stehende Person durchschritten hat. Schein und Sein, Licht und Schatten, mal weich-fließend, dann wieder grafisch-hart und linear, die Wirklichkeit des Baukörpers neben der lichten Sphäre der Helligkeit – all dies findet sich auf magische Weise in Ulrich Blums Fotoserie umgesetzt, die Sie im übrigen als Leporello für wenige Euro hier erwerben können.

Der Zeitbegriff begleitete die Fotografie von ihren Anfängen bis heute. Die unterschiedlichen Zeitebenen – etwa die Zeitlichkeit im Bild, die den dokumentarischen Charakter der Fotografie betont, oder die abgelichtete Zeit, die Geschichte evoziert, sowie der Zeitpunkt der Betrachtung – alle sind sie in einem fotografischen Bild enthalten. Auf diese Weise verbinden sich in ihm Anwesenheit und Abwesenheit, Gegenwart und Vergangenheit. Sehr anschaulich wird dies auch in den drei Horizontbildern, die – bei Tag und bei Nacht - wie die eben angesprochenen Zeitebenen das Bild etwa mittig in Meer und Himmel teilen: Das Meer, aus dem das Leben kommt, und das All, in dem es später verhallen wird. Das Prinzip des Lebens spiegelt sich wiederum in den beiden Serien „Komplementär Farbe Grün“ und „Komplementär Farbe Rot“: Auf der einen Seite die grünen Algen im Wasser, erste Chlorophyll bildende Boten des Lebens innerhalb der Evolution; und der rote Strom des Lebens, der zugleich den Tod bedeutet.

Wie eine Ode an das Leben – so möchte man sämtliche Fotografien Ulrich Blums bezeichnen. Stets im Boden wurzelnd werden sichtbare Wahrheiten in extremer Tiefenschärfe, die jede Struktur und Materialität genau abbildet und dabei die natürliche Wahrnehmung des menschlichen Auges weit hinter sich lässt, zuweilen überhöht oder auch konterkariert. Zuweilen leiten sie gar über in einen fast schon malerischen Duktus.

Bei aller Poesie bleiben seine Bilder jedoch reine Bestandsaufnahmen, selbst da es dem Künstler stets auf eigentümliche Weise gelingt, Sein und Nichtsein in einem zu erfassen.

© Dr. Friederike Zimmermann

Vernissage am 7. September 2015 um 11.20 Uhr